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meine erde

written by Franziska Schulze on November 08, 2006 and tagged with Université Libre de Bruxelles.

So, heute bin ich aufgestiegen, in die Riege der F-Blogger. Der Franzi sei dank lernen wir heute etwas über den Studienalltag an der Université Libre de Bruxelles.

Université Libre de Bruxelles

Hallo liebe Leute,

nun will ich mich auch mal aus Brüssel melden und ein wenig für Holgers Erde berichten. Ich verbringe hier ein Erasmus-Semester an der ULB (Université Libre de Bruxelles) und möchte mich hier ein wenig über bestimmte belgische Studententraditionen auslassen.

Hier gibt es - und das ist etwas ganz traditionelles - zu jeder Fachrichtung einen “Cercle” (das Wort bedeutet an sich nur “Kreis”, wird hier aber oft auch im Sinne von Gruppe oder Verein verwendet). Das sind also Vereinigungen von Studenten, die organisieren so einiges (hauptsächlich feuchtfröhliche Parties) für ihre Mitglieder aber auch für andere organisieren.

Auf dem Campus gibt es eine Reihe von Wohncontainern in unterschiedlichen Farben, wo jeder Cercle einen Raum hat und wo es immer Bier gibt (Zapfanlage ist immer vorhanden). Jeder Cercle hat einen König – König wird man, wenn man bei einem großen Saufen, wo Nicht-Mitglieder ausgeschlossen sind, einfach alle anderen unter den Tisch säuft. Die Rekorde liegen da recht weit oben. Die Mitglieder der Cercle erkennt man – ganz wichtig - an ihrer “Casquette”; das ist eine Art spezielles Basecap, wobei aber der Schirm vorne länger ist. Hinten steht dann die Buchstabenkombination des Cercles drauf. Dazu trägt man als echtes Mitglied einen Umhang, der (so sieht es zumindest aus und so riecht es auch) nie gewaschen wird. Ursprünglich war der Umhang mal in der Farbe des Cercle, aber das verändert sich natürlich über die Zeit (um nicht zu sagen, die sehen richtig verkeimt aus). In der Uni-Öffentlichkeit fallen die Cercle vor allem dadurch auf, dass sie laut schreiend über den Campus ziehen.

Das wichtigste Event am Anfang des neuen Studienjahres ist die Taufe der neuen Mitglieder, also der Erstis (“Bleues”). Dieser ganze Prozess zieht sich über einige Wochen hin und als Außenstehender kann man die ganzen einzelnen Teile gar nicht verfolgen.

Nun aber mal zu einem Teil der öffentlichen Taufe, dem “Pique-Nique”. An dem Tag des Pique-Nique (die Cercles machen auch noch einiges mit ihren Deliquenten vorher, aber da war ich nicht dabei) zieht jeder Cercle mit seinen Bleues auf einen zentralen Platz des Campus. Man muss sich das so vorstellen, dass der König in einer Sänfte getragen wird (die Sänfte tragen die flämischen Bleues), dahinter die normalen Mitglieder und danach in Reih und Glied (wie bei der Armee) die Bleues. Dabei müssen sie die ganze Zeit singen, dass sie glücklich sind, dass sie zum Picknick gehen können.

Casquette

Auf dem zentralen Platz müssen sich die Bleues dann alle hinknien und nach unten schauen und dann gibt es bestimmte Cercle-Mitglieder (dass man das machen darf, muss man sich über die Zeit auch erst noch verdienen), die dann das Pique-Nique durchführen. Sie gehen rum und bespritzen die Bleues mit Ketchup – in die Haare, ins T-Shirt, in die Ohren… Sie werden aber auch mit Bier begossen und bespuckt. Dann bekommen sie Zuckerrübensirup ins Gesicht geschmiert. Sie werden auch mit Mehl, Rotkohl und Eiern beworfen und beschmiert. Damit das auch was mit einem Picknick zu tun hat, müssen sie z.B. trockenes Hundefutter und Knoblauchzehen essen. Um das alles dahin zu transportieren, haben die einen ganzen Einkaufswagen mit den Lebensmitteln voll. Ach, das Öl habe ich noch vergessen. Nach dieser Prozedur waren die alle so dreckig und beschmiert und sie haben so was von eklig gerochen (die Mischung Bier-Knoblauch-Ketchup könnte man als Brechmittel verwenden), dass mir davon schlecht geworden wäre, wenn ich das die ganze Zeit an meinem Körper gehabt hätte.

Direkt im Anschluss daran sind sie dann in den nahe gelegenen Park gegangen und da ging das so weiter. Ich habe ja noch gar nicht erwähnt, dass sie dabei die ganze Zeit angeschrieen werden. Teilweise erinnert das alles schon an nicht so ganz schöne Teile der Geschichte. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der ganzen Taufe, die sich mit mehreren „Events“ über einen Monat hinzieht. Zu der Taufe gehört wohl auch, dass sie nackt auf dem Campus tanzen müssen, wobei es hier wohl für Mädchen nicht ganz so scharfe Regeln gibt.

Man muss auch erwähnen, dass der normale belgische Ersti im Schnitt so 18 Jahre ist. Sie sehen echt alle noch recht jung und verschüchtert aus. Mir taten sie irgendwie Leid.

Es muss aber auch ganz klar gesagt werden, dass das eine absolut freiwillige Sache ist und dass es auch ganz viele Studenten hier gibt, die an diesem ganzen Kram (der immer mit sehr viel Bier zu tun hat – aber das muss man hier nicht erwähnen, denn das ist klar) nicht teilnehmen.

Nun bleibt aber die Frage, warum man so was macht. Tja, das ist eben eine alte Tradition – bei der Semestereröffnungsparty (war eine Riesenparty mit 4 Livebühnen auf dem Campus) habe ich Herren älteren Semesters gesehen, die ganz stolz ihre Casquette getragen haben. An diesem Ding hängt hier eine große Bedeutung und für viele gehört es halt dazu. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass es darüber auch viele Diskussionen gibt und es wohl auch schon sehr negative Zwischenfälle bei dieser Sache gegeben hat.

Aber dazu noch eine Anekdote: Ein Mädchen hat ein anderes auf der Damentoilette gefragt, ob es wohl schädlich sei, wenn man täglich so viel Hundefutter isst. (Alleine schon die Frage…) Da hat das andere Mädchen gefragt, warum sie das denn überhaupt tun würde. Die Antwort war: Na, um die Casquette zu bekommen.

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