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meine erde

written by Holger Just on September 06, 2006 and tagged with Comment.

Eigentlich ist es ziemlich traurig. Ein Mädel wird 8 Jahre lang gefangen gehalten, schafft es auszubrechen und will nun in ein normales Leben beginnen.

Bisher hat sie in einer eigenen Welt gelebt. Diese Welt war zwar nicht vollständig abgeschlossen. Natascha hatte Fernsehen und Zeitungen, konnte Bücher lesen und in der letzten Zeit ihrer Entführung war sie auch in “unserer” Welt unterwegs. Und doch war sie stark eingeengt und immer unter der Kontrolle ihres Entführers, konnte eben kein eigenes Leben führen. Trotzdem hat sich über die Zeit eine Normalität entwickelt, wozu halt z.B. auch in geregelter Tagesablauf gehörte.

Nun muss sie eine neue Normalität in ihrem Leben finden. Sicherlich wird ihr das auch mit Hilfe von Psychologen und Btreuern gelingen. Es stellt sich jetzt nur die Frage, welche Rolle die Presse und die Öffentlichkeit in diesem Prozess spielt.

Direkt nach ihrer Flucht hat sich Natascha Kampusch vor der Öffentlichkeit, sogar vor ihren eigenen Eltern, versteckt. Möglicherweise auch in der Hoffnung, dass die Geschichte relativ schnell wieder von der Bildfläche verschwindet.

Ende August dann wurde ein offener Brief an “Journalisten, Reporter [und die] Weltöffentlichkeit” vorgestellt, in dem sie versuchte, Spekulationen einzudämmen.

Ich möchte Ihnen im Voraus jedoch versichern, dass ich keinerlei Fragen über intime oder persönliche Details beantworten will und werde.

Wenige Tage später antwortete die FAZ ihrerseite mit einem offenen Brief stellvertretend für die versammelte Presse.

Wir lieben das Spektakuläre und das Besondere, das nie Dagewesene, das Wahnsinnige; das Unbegreifliche aber akzeptieren wir nicht. Wir wollen einordnen, werten, analysieren: das ist unser Job. Und dazu brauchen wir stabile Kategorien: das Gute, das Böse, den Sieger, den Verlierer, das Opfer, den Täter. Es gibt Dinge, die können wir nicht verstehen, aber das ist kein Grund, sie nicht zu erklären.

Sie hatten gehofft, daß außerhalb Ihres Gefängnisses die Wirklichkeit wartet; jetzt stehen dort Kameras und Reporter. Die Flucht vor ihnen führt Sie erneut in die Isolation. Sie wollen nicht an die Öffentlichkeit, aber Sie haben keine Wahl: Ihre Freiheit heißt Öffentlichkeit. Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.

Anscheinend hat der Harald Staun, der Autor dieser Zeilen, damit die Situation korrekt dargestellt. Natascha würde zumindest sehr lange Zeit, möglicherweise niemals, Ruhe finden, wenn sie sich weiterhin versteckt. Was bleibt ist die Flucht nach vorn. Das heutige Fernsehinterview ist der Beginn dieser Flucht vor der Öffentlichkeit. Dazu gehört dann wohl auch die ausführliche Auswertung mit Psychologen und dem Vater des Mädels.

Hoffen wir für Natascha, dass die Sache wieder relativ schnell aus der Öffentlichkeit verschwindet und sie endlich Zeit hat, ihre neue, ihre eigene Normalität zu finden.

Nachtrag 23:35

Die FAZ stellt die Frage, ob Natascha und die Bewältigung ihrer Erfahrungen überhaupt noch die Hauptrolle spielt, oder ob nicht das hinter der Vermarktung ihrer Geschichte stehende viele Geld den wichtigsten Aspekt darstellt.

meine erde