IT-Systems-Engineering
Früher hieß es noch Softwaresystemtechnik. Das Institut heißt auch immer noch so: Hasso Plattner Institut für Softwaresystemtechnik. Irgendwann war der Name des Studiengangs nicht mehr schön. Man munkelt davon, dass es hieß, dass Software aus Indien kommt und sich deswegen eine Eliteausbildung nicht Softwareirgendwas schimpfen sollte.
Nennen wir es also IT-Systems-Engineering. Klingt auch gleich viel toller und viel englischer. Also doppelt toll. Geändert hat sich aber nicht wirklich was, zumindest nicht durch die Namensänderung. Das hat dann erst der neue Chef besorgt.
Der (wissenschaftliche) Gründungsdirektor Prof. Wendt wurde im März 2005 in den Ruhestand geschickt. Der kaufmänische Direktor sollte ihm folgen. Leider ist er wenige Woche vor seiner Pensionierung verstorben. Jetzt hat Prof. Meinel die Zügel in der Hand und die frühere Doppelspitze in sich vereint. Die Frage ist nur, wo er die Kutsche hinsteuert.
Hier spielt der Gedanke der Ingenieurskultur eine bedeutende Rolle. Das HPI beruft sich, zusammen mit dem Elitegedanken, immer wieder darauf. Bei der Gründung wurde von Prof. Plattner – dem Stifter des HPI – betont, dass in der Informatik und speziell bei der Softwareentwicklung an der Kommunikationsfähigkeit mangelt.
Die Modellierung der Software selbst wurde immer wieder in Angriff genommen, aber meist als zu starr oder ideologisch geprägt wieder verworfen. Bill Gates sagte dazu, für ihn zähle nur eines, der Originalcode. Hier hat die ganze Softwarebranche einen entscheidenden Nachteil gegenüber klassischen Ingenieurdisziplinen. Sie hat keine formale Sprache zur Darstellung der Modelle, die eine offene Kommunikation zwischen allen Beteiligten ermöglichen würden.
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Die komplizierteste Ingenieursdisziplin, das Softwareingenieurwesen, hat bei weitem die am geringsten entwickelte Methodik für Entwurf und Dokumentation. Häuser, Schiffe oder Computer könnten so nicht gebaut werden, aber die komplexesten Prozesse — ob in der Wirtschaftswelt oder in der Steuerung von Maschinen — entwickeln wir mit Early Prototyping.
Prof. Wendt hatte sich der Einführung und Etablierung dieser “klassischen Ingenierdisziplinen” verschrieben. Kerngebiet war dabei die von ihm entwickelte Modellierungsnotation und -Terminologie FMC - die Fundamental Modeling Concepts.
Viele Jahrgänge des HPI wurde anhand dieses einfachen, gleichzeitig aber ausreichend formalisierten, Konzeptes an die Modellierung von Softewaresystemen herangeführt. Ich selbst durfte in meinem ersten Semester am HPI noch eine Vorlesung bei Prof. Wendt hören.
Diese Visionen, die bei der Gründung des HPI Pate gestanden haben, sind bedroht. Gerade hat Dr. Tabelling seinen “Rückzug” in die Wirtschaft erklärt, womit die FMC-Arbeitsgruppe praktisch aufgelöst ist. Und damit steuert FMC meiner Meinung nach dem langsamen (vermutlich aber schnelleren) Tod entgegen. Die letzten Verfechter am Institut sind auch auf dem Sprung. Prof. Zorn beispielsweise, der ja gerade noch das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten hat, geht in einem Jahr ebenfalls in de Ruhestand.
Ingenieuskultur am HPI scheint inzwischen nur noch daraus zu bestehen, dass man am Ende des Bachelor- und Masterstudiums jeweils ein Projekt durchführt und dass ein paar Modelierungsvorlesungen am Beginn des Studiums liegen. Im Grunde haben wir auch “nur noch” ein Informatikstudium mit dem Anspruch an sich selbst, Elite zu sein. Der Kerngedanke bei der Gründung des HPI aber, die Kommunikation zwischen allen Beteiligten am Entwicklungsprozess und die zugrundeliegende gemeinsame Begriffswelt, bleibt damit auf der Strecke
Der Elitebegriff – er ist meiner Meinung nach inzwischen überstrapaziert – mag zwar auch helfen die Qualität der Lehre zu verbessern. Ohne die richtigen Visionen und Ziele allerdings wird der Beitrag des HPIs zur Bewältigung des sich verstärkenden Komplexitätsproblems in der Softwareentwicklung eher gering ausfallen.